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Gert Prokop
Wer stiehlt schon Unterschenkel?/Der Samenbankraub - Literatur -
Das Neue Berlin
"Ich gelobe mein Leben für die Verwirklichung der zwölf Grundrechte eines jeden Menschen einzusetzen, für das Recht auf Leben, das Recht auf Tod, das Recht auf Identität, das Recht auf Nahrung, auf Bildung, auf Arbeit, für das Recht auf Gesundheitsschutz, auf Freizügigkeit, auf Gerechtigkeit, das Recht auf Kinder. Das gelobe ich. Do or die!"
Gelöbnis des Inneren Kreises des UNDERGROUND in Gert Prokops Chicago des späten 21. Jahrhunderts.
...
Gert Prokop, der Autor dieser Zeilen, nahm sich 1994 im Alter von 61 Jahren, das Leben. Das Recht auf Tod hat er also für sich in Anspruch genommen.
Was ihn dazu getrieben hat, kann man sich nach der Lektüre seiner Bücher denken, ist aber durch googeln oder yahooen nicht explizit herauszufinden, denn die Informationen über Prokops Leben sind im Netz rar gesät. Das hätte ihm vermutlich gefallen, denn liest man seinen zwei erstmalig in der DDR erschienenen Kriminal/Science Fiction-Bände "Wer stiehlt schon Unterschenkel" und "Der Samenbankraub", mehrere kurze, lose miteinander verbundene Geschichten um den kleinwüchsigen Detektiv Timothy Truckle, der sich im Chicago des späten 21. Jahrhunderts mit außergewöhnlichen bis skurrilen Fällen beschäftigt, dann merkt man, dass Prokop hier auf höchst unterhaltsame Weise Kritik an den zu seiner Zeit herrschenden Zuständen mit grundlegender Dystopie verbindet, und hier den Genre-Größen der Weltliteratur, Orwell, Bradbury, Huxley, in nichts nachsteht.
Wobei er sich nicht zu wohlfeiler Konsum- und Technologiekritik herablässt, ganz im Gegenteil. Gesellschaftskritik heißt hier, dass Prokop sich stets bemüht, ein in positiver Hinsicht wirklich ambivalentes Bild der Zukunft zu zeichnen. Timothy Truckle liebt die Welt, die Menschen und das Leben von ganzem Herzen, und das lässt ihn beinahe daran verzweifeln, was aus aus all dem geworden ist. Philanthropie und Ekel liegen hier nah beieinander. Timothy Truckle ist auch ein Genussmensch, er liebt den Whisky, er ist ein Feinschmecker, der sich von seinen einflussreichen Klienten, den "Bigbossen", meist in edlen Spirituosen oder dem Zugang zu nichtsynthetischen, frischen Lebensmitteln bezahlen lässt. Er kocht leidenschaftlich gern und schätzt einen guten Sonnenuntergang hoch über der Smogschucht, in der Bar des 1125. Stockwerks seines heimatlichen Wolkenkratzers
Ähnlich bei Technik und Fortschritt. Sie helfen Timothy einerseits, sein Leben erträglich zu gestalten und er genießt die Vorzüge moderner Technik. Timothys Computer "Napoleon" kann man getrost als "guten literarischen Bruder" von Hal aus "2001 - Odyssee" im Weltraum betrachten, denn Prokop verleiht ihm ebenso menschliche Züge, wie Arthur C. Clarke seinem ungleich berühmteren Pendant. Es wäre sicher auch nicht falsch, ihn als eine Art Vorfahre von Star Treks "DATA" zu bezeichnen, denn auch "Napoleon" ist interessiert am Phänomen der Menschlichkeit. Obwohl zu bezweifeln ist, dass Gene Roddenberry Prokop gelesen hat. Andererseits zeigt die Gegenseite, der totalitäre Staatsapparat der USA auch immer wieder, wozu sie mittels Technik fähig ist und Prokop spart nicht mit feiner bis deutlicher Kritik. Kernaussage: es liegt nicht am Fortschritt selbst, sondern an den Menschen die ihn in dieser oder jener Weise für sich nutzen, was er bewirkt. Prokop leistet hier Großes. Er muss die scharfen Klippen der Allgemeinplätze nicht umschiffen. Er kommt nicht einmal in ihre Nähe.
Es nimmt nicht Wunder, dass dieses Buch trotz seiner in der Skizzierung der gesellschaftlichen Zustände unübersehbaren Parrallelen zur und der zynischen Kritik am autoritären System seines Heimatlandes DDR veröffentlicht wurde. Hier zeigt sich die Genialität Prokops: er verlegt die Handlung in die USA, die im 21. Jahrhundert vom Rest der Welt ("DRAUSSEN") in eine Art Käfig ("ISOLATION") gesperrt werden. Warum wird, wie so vieles, nur angedeutet, und fügt sich dem Leser erst nach und nach zu einem Bild. Sie scheinen sich kapitaler Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gemacht zu haben, und sind durch eine technisch errichtete Barriere von der Aussenwelt im Prinzip abgeschnitten. Es gibt Kontakt mit DRAUSSEN, aber der ist entweder illegal oder streng reguliert.
Ein offen und explizit USA-kritisches Buch - mit welcher Begründung hätte man das in der Schublade lassen sollen? Es MUSSTE veröffentlicht werden. Möglicherweise zähneknirschend. Oder die Zensur war zu borniert und zu dumm, die Geschichte anders zu lesen. Oder man traute es dem Leser nicht zu. Das bliebe noch herauszufinden. Auch hier möchte ich anmerken, dass der Autor nicht in platten Antiamerikanismus abgleitet. Nein, man merkt seinen Geschichten seine Affinität zur amerikanischen Kultur mehr als deutlich an.
Mein Fazit: Beide Bücher sind meiner Erfahrung nach sehr unbekannt. Zu Unrecht! Es lohnt sich ausserordentlich, diese beiden Bücher zu lesen, auch oder vielleicht gerade wenn man sich sonst nicht für sogenannte DDR-Literatur interessiert. Es muss nicht Christa Wolf sein, wenn es um Gesellschaftskritik an der DDR gehen soll. Zu beachten ist auch hier ein weiteres Mal die Differnziertheit der Kritik. Prokop driftet in seiner Kunst, beim Leser unterhaltsames Unbehagen an den geschilderten Zuständen zu erzeugen, nie ins Plakative ab. Er neigt nicht zum Konservativen, zum Reaktionären, der jenseits der Mauer/ISOLATION das Schlaraffenland vermutet. Dazu ist er zu intelligent. Dass man mit den Zuständen in einem System nicht seinen billigen Frieden machen muss, nur weil das andere verschwunden ist, zeigt vermutlich seine Biographie, ohne ihn hier instrumentalisieren zu wollen.
Wie immer liegen die wahren Perlen irgendwo im Straßengraben, und werden vergessen. Der Verdienst, diese Perlen dort herausgeholt zu haben, liegt beim Eulenspiegel Verlag bzw. seinem Imprint, Das Neue Berlin. Lange Zeit waren beide Bücher vergriffen und nur antiquarisch zu bekommen, jetzt liegen sie jeweils in einer schönen und erschwinglichen Hardcover-Ausgabe vor. Unbedingte Empfehlung! Ein echter Klassiker, zumindest für mich!!!
Prokop, Gert: Wer stiehlt schon Unterschenkel?. Verlag Das Neue Berlin, 2006 (Erstausgabe 1977). ISBN 9783360012869. 14,90. Erhältlich in jeder Buchhandlung.
Prokop, Gert: Der Samenbankraub. Verlag Das Neue Berlin, 2003 (Erstausgabe 1983). ISBN 9783360012302. 14,90. Erhältlich in jeder Buchhandlung.
Wertung: 10 von 10 Punkten • • • • • • • • • •
[christian am 05.05.2008] [Permalink: www.27-fingers.net/rgm/index.php?8:1:4:0:133]
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